Geschichtsvergessene Ehrung

Die Berliner SPD leistet sich eine  politisch-moralische Peinlichkeit, indem sie das das Thälmann-Denkmal im Bezirk Prenzlauer Berg für teures Geld restaurieren lässt.

Der Berliner Senat hat beschlossen, das  Denkmal für Ernst Thälmann im Stadtteil Prenzlauer Berg für 200.000 Euro sanieren zu lassen.  Experten hatten  Rostfraß im Metallskelett  und Risse im Granitsockel  festgestellt. Das Denkmal für den Führer der Kommunistischen Partei während der Weimarer Republik war von dem sowjetischen Bildhauer  Lew Kerbel im heroischen Stil des Sozialistischen Realismus gestaltet worden.   Erich Honecker  hatte es 1986  eingeweiht. 32 Jahre lang schon reckt  das  kommunistische Idol   die Arbeiterfaust in den Berliner Himmel, bis der Zahn der Zeit Büste und Sockel angefressen hat.

Betrachtet man die Ehrung für Ernst Thälmann aus  Sicht des Historikers, kann man nur eines schlussfolgern:  Sie ist  verfehlt, weil  geschichtsvergessen. Thälmann ist keine historische Persönlichkeit, die in der Demokratie denkmalwürdig wäre.

In den Wirren der Novemberrevolution 1919 schloss  sich Thälmann  zuerst der USPD an, wechselte dann zur neu gegründeten KPD. Im Oktober 1923 organisierte  er den „Hamburger Arbeiteraufstand“, wie der bewaffnete Putsch gegen die Demokratie  in einigen Geschichtsbüchern verharmlosend genannt wird. Als der Coup  scheiterte, musste er für einige Zeit  untertauchen, machte aber bald darauf  in der KPD Karriere. 1925 wurde  er Vorsitzender des Roten Frontkämpferbundes, eines  paramilitärischen Kampfverbands  der KPD. Noch im selben Jahr stieg er zum  Vorsitzenden der KPD auf. Er  trieb  die sog. Bolschewisierung voran, die Umorganisation der KPD zu einer straffen Kaderpartei   nach dem Vorbild  Lenins und Stalins. Dass Thälmann das Schicksal der fragilen Weimarer Demokratie gleichgültig war, kann man daran ablesen, dass er bei der Reichspräsidentenwahl 1925 auch im zweiten Wahlgang noch an seiner Kandidatur festhielt, obwohl er im ersten Wahlgang nur sieben Prozent der Stimmen bekommen hatte. Hätte er auf die Kandidatur verzichtet, wäre der Zentrumspolitiker Wilhelm Marx anstelle von Paul von Hindenburg Reichspräsident geworden. Das Schicksal  der Weimarer Republik wäre mit Sicherheit anders verlaufen.

Das unrühmlichste Kapitel der KPD-Politik war die Übernahme  der Theorie von Josef Stalin,  wonach der Hauptfeind der Arbeiterklasse in den westlichen Industrieländern die Sozialdemokratie sei, die er als „Sozialfaschisten“ verunglimpfte. Mit den Nationalsozialisten hatten die Kommunisten hingegen  keine Berührungsängste. Ab 1930 stimmte die  KPD  im Reichstag   gemeinsam  mit der NSDAP  konsequent gegen die Regierung. Beide radikalen Parteien wollten mit ihrer Blockadepolitik die Auflösung des Parlaments erzwingen, weil  sie sich bei Neuwahlen durch eine Politik der Radikalisierung einen Stimmenzuwachs versprachen, was – zumindest für die NSDAP – aufging. 1931 versuchten KPD und NSDAP gemeinsam die sozialdemokratische Regierung Preußens unter Otto Braun zu stürzen, was scheiterte, weil das Quorum von 50 Prozent nicht erreicht wurde. Beim großen Streik der BVG-Beschäftigten 1932 in Berlin stellten KPD und NSDAP gemeinsam Streikposten, um den demokratischen Magistrat von Berlin in die Knie zu zwingen. Die  ideologisch  verfeindeten Parteien waren eben  doch Brüder im antidemokratischen Geiste.

Tragisch war, dass die von Thälmann vehement vertretene Sozialfaschismus-Theorie die beiden Arbeiterparteien SPD und KPD daran hinderte, eine Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus zu schmieden, die die Basis beider Parteien sehnlichst wünschte. Am   Tag vor der Machtübertragung an Adolf Hitler gingen in Berlin über 100 000 Menschen, vor allem Sozialdemokraten und Liberale, auf die Straße, um ein letztes Zeichen für die Demokratie zu setzen. Kommunisten standen, wie Augenzeugen berichteten,  feixend am Straßenrand. In völliger Verblendung erwartete die  KPD nach   Hitlers Machtergreifung eine proletarische Erhebung und danach ein sowjetisch geprägtes Deutschland.  Schon  wenige Monate darauf fanden sich Sozialdemokraten und Kommunisten gemeinsam  im KZ wieder.

Was soll man davon halten, dass ein sozialdemokratischer Regierender Bürgermeister einem Kommunisten ein Denkmal vergolden  lässt, der die eigene Partei beleidigt und bekämpft hat? O-Ton Thälmann:  „Man kann den Kapitalismus nicht schlagen, ohne die Sozialdemokratie zu vernichten“.   Hat der Bürgermeister  vergessen, dass die großen Sozialdemokraten Friedrich Ebert, Philip Scheidemann und Otto Wels aufopferungsvoll genau für die Republik gekämpft haben, die Ernst Thälmann und Genossen zerstören wollten?  Wie kann man heute Schüler für die Demokratie begeistern, wenn Spitzenpolitiker historische Persönlichkeiten ehren, die die Demokratie verachtet  haben?

Dass Ernst Thälmann 1944 von den Nationalsozialisten im KZ Buchenwald ermordet wurde, ist tragisch und genauso zu bedauern wie der Tod von Tausenden anderer  politischer Gefangener und der Millionen Opfer des Holocaust. Um des tragischen Tods von Ernst Thälmann zu gedenken,  braucht man jedoch  keine gigantomanische Skulptur in Berlins Mitte.  Man könnte es  mit  der Gedenkplakette für Ernst Thälmann am Karl-Liebknecht-Haus bewenden lassen, der Stelle, an der er als KPD-Führer gewirkt hat. Deshalb sollte man das  Thälmann-Denkmal   abtragen und den Kopf ins Deutsche Historische Museum stellen. Auf dem  Platz sollte man  ein  Denkmal für die Demokratie – die beste aller Staatsformen – errichten. Mit ihm  Otto Wels zu ehren, der im Reichstag  die mutige Rede gegen das Ermächtigungsgesetz gehalten hat, wäre sicher  nicht verkehrt.

 

 

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Eingeordnet unter DDR-Geschichte, Kommunismus, SPD

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